Vergehendes festhalten        (DE | EN | FR)

Mit weit ausgebreiteten Flügeln schwebt der Mäusebussard hoch über dem Boden. Seine Beine hat er angewinkelt, mit starrem Blick schaut er nach unten – fast als hätte er ein mögliches Opfer gesichtet. Setzt er soeben zum Sturzflug an? Oder kreist er noch eine Weile am Himmel? Man mag sich nicht recht entscheiden; beides scheint irgendwie richtig wie auch falsch zu sein. Aurelia Müllers Fotografie ist von einer eigenartigen Doppeldeutigkeit geprägt. Ebenso sehr wie Bewegung strahlt sie Ruhe aus, ebenso sehr wie Momenthaftigkeit vermittelt sie Beständigkeit. Und gerade dies hält den Blick fest.

Die grossformatigen Fotografien von Aurelia Müller laden ein genauer hinzuschauen. Dabei geschieht eigentlich gar nicht viel in den Aufnahmen. Praktisch immer zeigen sie nur einen Gegenstand, der von jeglichem Kontext befreit, im Zentrum des Bildes festgehalten wurde. Umso besser kann man sich diesem aber hingeben. In einer Zeit, in der alles und jedes gehetzt und schnell, schnell mit dem Handy oder sonst einer digitalen Kleinkamera geknipst wird, macht Aurelia Müller genau das Gegenteil. Sie hält einen Moment inne und greift auf ihre alte und schwere Sinar Fachkamera zurück. Jede Aufnahme ist so das Resultat zeitintensiver Vorbereitungen. Für Schnappschüsse oder sonstige Zufallsprodukte gibt es keinen Platz. Desto präziser sind dafür die Fotografien. Die Künstlerin präsentiert ihre Sujets auf Papier gebannt meist um ein x-Faches vergrössert. In fast schon mikroskopischer Manier macht sie von blossem Auge sonst kaum erkennbare Einzelteile in einer aussergewöhnlichen Schärfe sichtbar und gibt das Motiv so in einer Art und Weise wieder, wie man es nur selten oder nie gesehen hat. Unwillkürlich wird man dazu verleitet, sich in den Bildwelten zu verlieren. Gerade dabei zeigt sich aber immer auch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie selber.

Rasch wird bei obigem Mäusebussard deutlich, dass die von der Fotografie ausgehende Irritation mit der Art der Aufnahme zusammenhängen muss. Die hyperreale Klarheit, mit der jedes einzelne Detail am Körper des Tieres erkennbar ist, unterscheidet das Bild von den gewagten Dokumentarfotografien, wie wir sie normalerweise kennen. Die ungemeine Schärfe legt also offen, dass es gar nicht möglich ist, dass der Mäusebussard im Flug aufgenommen wurde. Und der bei genauerem Hinschauen zu entdeckende Draht am Schwanzgefieder verrät letztendlich, dass es sich hier um ein ausgestopftes Tier handeln muss. Unwillkürlich lässt die Aufnahme so an den alten Topos der Fotografie denken, mit dem Einfrieren eines Momentes Leben gleichsam zu töten, respektive in seiner Umkehrung, Totem neues Leben einzuhauchen.

Das Verhältnis von Leben und Tod im weitesten Sinne spielt in Aurelia Müllers Schaffen thematisch eine wichtige Rolle. Die verschiedenen Fotografien von toten Insekten beispielsweise muten wie der Versuch an, einen vergehenden Körper festzuhalten, sich ihm und seiner Rolle im Leben noch ein letztes Mal zu vergewissern, bevor er ganz weg ist. Bezeichnenderweise meint man beim Falter in CUT I im ersten Augenblick, er fliege jeden Moment aus dem Bild. Andere Aufnahmen hingegen dokumentieren den Tod als unverrückbare Tatsache. Die Fotografie des schon vor 148 Millionen Jahren zu Stein gewordenen kleinen Flugsauriers etwa lässt an die Endlichkeit nicht nur von Individuen sondern von einer ganzen Spezies denken. Und die Serie END NAP erscheint gar wie eine Studie zur Körperstellung, welche die Bienen zum Sterben einnehmen. Mit den fragilen Beinchen meist eng an das dichte Fell am Körper herangezogen erinnert die Haltung der Tierchen an die von menschlichen Embryos, womit die kleinen Honigproduzenten gleichsam humane Züge annehmen. Die im Alltag vor allem als lästige Erscheinung wahrgenommenen Insekten werden hier also als individuelles Leben ernst genommen.

Mit dem Begehren und letztlich dem Vermögen der Fotografie, Endliches festzuhalten, es vor dem Tod des Vergessens zu retten, beschäftigt sich auch die Serie REFLECTION. Für ihre Fotografien hat Aurelia Müller Aufnahmen von Kindern, Frauen und Männern, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Fotostudio geschossen wurden, in Antiquariaten aufgestöbert und selber abfotografiert. Auf diese Weise ins Grossformat übertragen fallen besonders die Spuren ins Auge, welche die Zeit auf den kleinen Abzügen hinterlassen hat: Stockflecken, Verfärbungen, Kratzer, Knicke oder irgendwelche Abdrücke bezeugen die Vergänglichkeit des Bildes. An manchen Stellen ist die ursprüngliche Fotografie sogar derart verblasst, dass die Menschen sich regelrecht in ihr auflösen. Unwillkürlich fragt man sich, was aus den Personen geworden ist, warum die Fotografie wohl im Antiquariat endete und ob sich überhaupt noch jemand an die abgelichteten Individuen erinnert? Aurelia Müllers Aufnahmen erzählen so nicht die Geschichte der Vergänglichkeit der zur Erinnerung geschossenen Fotografie, sondern auch die der eigenen Endlichkeit.

In seiner berühmten Schrift Die helle Kammer – Bemerkungen zur Fotografie beschreibt Roland Barthes, dass die Fotografie, indem sie bezeuge, dass das Abgebildete tatsächlich da gewesen sei, den Betrachter überzeuge „das Leben, den Tod, das unausweichliche Verschwinden der Generationen überdenken“ zu lassen. Auf diese Weise gelangt der Autor zur Feststellung, dass die Fotografie die fundamentale Frage „warum lebe ich hier und jetzt?“ an die Betrachtenden richte. Genau an diesem Punkt setzt Aurelia Müller inhaltlich in ihren Aufnahmen an. Sie schafft so rätselhafte und faszinierende Bilder, die zum Schauen und Entdecken auffordern und die gleichzeitig immer wieder das eigene Sein, die eigene Existenz überdenken lassen.

Petra Giezendanner